Knaggenfiguren am Haus Großer Markt 4 in Perleberg

Die Restaurierung der dreizehn Knaggenfiguren des Hauses Großer Markt 4 erfolgte auf Initiative des Bürgervereins Perleberg e.V. Die dafür benötigten finanziellen Mittel in Höhe von 33.000€ wurden fast ausschließlich durch Spenden aufgebracht. Im Oktober 2003 begannen die Arbeiten, welche im Mai 2005 beendet wurden.
Sie zeugen so vom Bürgersinn, Traditionelles zu bewahren oder wieder erstehen zu lassen und für nachfolgende Generationen zu erhalten.

 

Bilder aller Knaggenfiguren ...

 

 
Das Fachwerkhaus Großer Markt 4 wurde in spätmittelalterlicher Bautradition im Jahr 1525 errichtet. Eine Besonderheit an der Giebelfassade ist die figürliche Gestaltung der Knaggen.
Knaggen sind im Fachwerkbau meist statische Teile, die auskragende Balkenköpfe konsolenartig stützen. Im Spätmittelalter und in der Renaissance wurden diese Knaggen an Häusern wohlhabender Bürger oder an repräsentativen Gebäuden oft kunstvoll gestaltet. In den Fachwerkstädten des Harzes und im süddeutschen Raum sind solche Fassaden erhalten; für den norddeutschen Raum hingegen ist das erhaltene Gebäude in Perleberg ein besonderer Zeitzeuge.
Die 13 erhaltenen Figurenknaggen sind alle aus Eichenholz geschnitzt. Jede ist ca. 80 cm hoch und ca. 24 cm breit. Eine Figur stellt Christus dar, vier weitere die Apostel Paulus, Petrus, Johannes und Andreas. Mit Christophorus und Georg, dem Drachentöter, existieren noch zwei Heiligenfiguren. Die restlichen sechs Knaggen zeigen uns weltliche Figuren: einen König, einen Ritter, einen Knappen, einen Kriegsknecht, eine Bürgerfrau sowie eine unbekleidete Frau. Inwiefern alle einen Bedeutungsbezug untereinander haben, bleibt spekulativ. Bei der Anzahl von 13 Figuren könnte man vermuten, dass ursprünglich Christus und die 12 Apostel ausgeführt bzw. geplant waren. Stilistisch stehen die erhaltenen Apostelfiguren in der spätgotischen Schnitztradition, könnten also noch aus einer Werkstatt kommen, die auch Altäre herstellte. Die weltlichen Darstellungen weisen schon auf den bürgerlichen Gestaltungswillen der Renaissance hin. Bei allen offenen Fragen zur ursprünglichen Fassadengestaltung kann man davon ausgehen, dass spätestens zur Mitte des 16. Jahrhunderts diese 13 Figuren an der Fassade vorhanden waren. Die 10 bis 15 Farbanstriche, welche auf den Figuren liegen, belegen die lange gemeinsame Geschichte am Standort. Die ersten Farbaufträge sind bei allen Figuren identisch und finden sich auch auf den Schriftbalken des Hauses wieder. Auf einem braunroten Grundanstrich liegt eine begrenzte Zahl von Farbtönen, z. B. Mennige, Auripigment, abgemischtes Bleiweiß, Kupfergrün. Der letzte und in verwitterter Form vorliegende Farbanstrich stammt aus dem Jahr 1953.
Dass der Erhaltungszustand nach 500-jähriger Bewitterung nicht der Beste sein kann, wird man sich denken können. Je nach Standort an der Fassade zeigt sich ein differenziertes Schadensbild. Zum Teil ist die Holzsubstanz so stark korrodiert, dass die geschnitzte Form nicht mehr ablesbar ist, z. B. bei der Bürgerfrau oder dem Christophorus. Hier ist die Herstellung von Kopien notwendig. Sechs andere Figuren sind konservatorisch so zu behandeln, dass sie wieder an der Fassade angebracht werden können. Aus Gründen der Erhaltung der gesamten Fassungsschichten wurde für weitere fünf Knaggen die Herstellung von Kopien beschlossen; die Originale werden konservatorisch bearbeitet und kommen ins Museum.
Andreas Mieth Diplom-Restaurator

 

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